Kulturgeschichte der Drogen 

Wer den Reigentanz des Gottes tanzt,

verliert nicht, was er hat.

(Euripides `Die Bakchen`)

 

Eigentlich sollte es ein leichtes sein, sich in der Welt zu orientieren; zumal aufgrund unserer immensen Erfahrungen, die wir ja seit es uns gibt gesammelt haben. Meint: alles, was in der Gesellschaft vom Belange ist, besitzt einen Erfahrungswert, der absolut präzise die Auskunft über die betreffende Sache gibt.

Der Erfahrungswert selbst ergibt sich aus der Kulturgeschichte des betreffenden Gegenstandes.

Will man sich also in Bezug auf die Drogen und ihrer Rolle in der Geschichte der Menschheit orientieren, so beschäftigt man sich mit ihrer Kulturgeschichte. Sie ist wesentlich kompetenter, über Drogen zu erzählen, als irgendein ahnungsloser Politiker, Journalist, Wissenschaftler oder selbsternannter Drogenbekämpfungpapst. Und sie zeigt Drogen mitnichten als Feind der Menschheit; sie zeigt vielmehr, dass Drogen seitens der Menschen etwas Besseres als Verleumdung, Verfolgung und Verurteilung verdienen.

Die Geschichten der Menschen und Drogen sind miteinander untrennbar verflochten. Und noch mehr als das! - in beinahe jeder Kultur hat diese oder jene Droge den Heiligkeitstatus. Kaum eine Gesellschaft, die ihre religiösen Riten ohne Drogen zelebrieren wurde: Soma-Rituale bei den Ariern, Haoma-Opfer der Parsen, Peyote-Kult der Indios, christliches Weinabendmahl sind die bekannteste Beispiele hierfür.

Allein diese Tatsache lässt darauf schliessen, dass es kaum eine menschliche Gesellschaft gab, die abstinent lebte. Bis in die Tage der Kolonialisierung freilich herrschte eine extreme Vielfalt auf dem Drogensektor, und ausser Hanf, Opium und Wein, die sich seit jeher einer gewissen multilateralen Verbreitung erfreuten, gab es eine Unzahl der verschiedensten Rauschmittel. Seien es Pilze und Kakteen, seien es Kräuter und Früchte; allein in Mittel- und Südamerika benutzten die Völker weit über hundert verschiedensten Rauschpflanzen... Sogar die Insekten benutzte man, um zu einem verklärenden Rausch zu gelangen, wie dies die australischen Ureinwohner tun. Seit den Anfangen der Zeitrechnung sind uns bereits Designerdrogen bekannt: um die Zeitwende benutzte die chinesische High society die Modedroge Han-shi, die aus pflanzlichen und chemischen Stoffen regelrecht komponiert wurde.

Dabei sind uns Unmengen von Drogen verloren gegangen, die wir heute nur noch aus den Überlieferungen, also den Namen nach kennen. Da gab es, zum Beispiel, die Götterdroge Amrita, die angeblich zugleich mit der Schöpfung entstand, und die Olymp-Droge Ambrosia. Oder das Zauberkraut Moly, mit dem Odysseus Kirke `ausschaltete`. Oder die Arierdroge Sura...

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Der Mensch, behauptete Jack London, sah sich schon immer nach dem Saft des Mohns und dem Staub des Hanfs... Nachgewiesen sind eine mindestens fünftausendjährige Opiumkultur im östlichen Mittelmeerraum und in Mittelasien - der Mohn ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt -, und eine, keinesfalls jüngere, Hanfkultur in den eurasischen Grenzgebieten. Bei den paläosibirischen Völkern hat der Fliegenpilzrausch genauso lange Tradition wie der Schamanismus - also etwa zwanzig bis dreissigtausend Jahren, und die Indios Amerikas benutzten nicht nur Tabak, sondern auch Koka, Peyote, Ayahuasca und sonstige Pflanzen durch die langen Jahrtausende. Trotz dieser endlosen Millennien des Rausches war die Menschheit in keiner Phase ihrer Entwicklung und nirgendwo in der Welt in Gefahr, auf irgendwelcher Weise an den Drogen zugrunde zu gehen.

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Auch der berühmte Opiumkrieg wurde mitnichten wegen des drohendes Opiumuntergangs des chinesischen Volkes geführt, wie das inkompetenterweise kolportiert wird, sondern aus reinsten finanziellen Gründen. Da die britische Ostindiengesellschaft für die Teeimporte aus China alljährlich etwa zwei Millionen Pfund Sterling (nach heutiger Kaufkraft etwa eine Milliarden Euro) aufbringen musste, suchte man nach der Möglichkeit, den Chinesen als Gegenleistung Waren anzubieten. Opium erwies sich als ideales Tauschobjekt, und da sein Preis zu dem des Tees in Verhältnis von etwa 40:1 lag, erwirtschaftete die Ostindienkompanie exorbitante Profite, während die Finanzpotenz Chinas wegen des enormen Geldaderlasses allmählich auf Null sank. Vor allem also um ihre ruinierten Finanzen zu retten suchte China den Opiumhandel zu unterbinden.

Die Stimmigkeit dieser Behauptung bezeugt die explosive Entwicklung der einheimischen Opiumproduktion in China. Sofort nach dem Opiumkrieg begann man den Mohn grossflächig anzubauen, so dass die chinesische Opiumernte im Jahr 1906 mehr als 35000 Tonnen betrug.

Übrigens lasse sich gerade anhand des Beispieles China/Opium nachweisen, wie gefährlich die Drogenprohibition ist, und dass sie grundsätzlich eine konträre Wirkung aufweist als beabsichtigt. Denn es war das Verbot des Tabaks, das der letzte Ming-Kaiser Huaizhun 1644 verhängte, der im 18 Jahrhundert zu fast explosionsartigen Verbreitung des Opiums in ganz China führte.

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Natürlich hat auch der Wein nicht minder lange Tradition. Das heisst, Wein als Getränk hat Tradition. Denn der Wein, den die Ägypter und Juden, Griechen und Römer tranken, hat mit dem heutigen Wein nur noch den Namen gemeinsam. Der antike Wein wurde noch aus der Rebe des wilden Weines gekeltert, dem so genannten Noah, dessen Alkaloide starke halluzinogene Wirkung aufwiesen. Einzig hatte das Getränk den Nachteil, dass es extrem bitter schmeckte, fast ungeniessbar war. Um ihn überhaupt trinken zu können, versetzte man ihn mit Kräutern, Honig, ja selbst Opium. Dieser Nachteil war auch der Grund für die ständige Kultivierung der Pflanze, was einerseits dazu führte, dass die Ursprungsrebe irgendwann ausstarb, und anderseits, dass die Wirkstoffe pervertierten und sich aus der halluzinogenen in die heutigen, giftigen Alkaloiden verwandelten. Der neue Wein setzte sich zur Zeitwende durch, was auch von dem Neuen Testament registriert wird: gelegentlich der Hochzeit zu Kanaa zelebrierte Jesus sein erstes Wunder, indem er aus dem Wasser den Wein produzierte, und dieser Wein ist unvergleichlich besser (= trinkbarer) als der, an dem man bis da gewöhnt war.

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Es ist interessant, dass die Stämme und Völker erstaunliche Treue ihren lokalen Kult-, beziehungsweise Kulturdrogen bezeugten. Auch zwischen den Nachbarvölkern verschiedener Kulturkreise kommt es kaum zur Übernahme der Nachbarsdroge. Meist wussten die einen anscheinend nicht einmal, was es so mit den fremden Ritualen an sich hatte, wie das aus einer extrem naiven Darstellung des Weintrinkers Herodot hervorgeht, der die Rauschgewohnheiten der Skythen total verkannte: ”Die Samenkörner dieses Hanfes nehmen die Skythen, kriechen damit unter die Filzdecke und legen sie auf... glühende Steine. Diese fangen an zu rauchen und erzeugen einen so starken Dampf, dass wohl kein griechisches Schwitzbad dieses Dampfbad übertrifft. Die Skythen freuen sich über das Schwitzbad und heulen vor Lust.”

Und Caesar bezeugt die Weigerung der Germanen, sich mit dem Wein abzugeben: ”Wein lassen sie überhaupt nicht bei sich einführen, weil er nach ihrer Meinung die Widerstandskraft der Menschen bricht und die Männer so schwächlich wie Frauen macht.”

So sind dann alle Versuche, fremde Drogen auf dem Gebiet einer bereits etablierten einzuführen, so rar sie auch waren, in der Regel zum Scheitern verurteilt, wie aus Beispiel Zarathustra ersichtlich, der den Persern anstelle des alteingesessenen Haoma den Hanf aufzwingen wollte. Und wenn eine fremde Droge den Zutritt auf dem Gebiet einer anderen findet, dann nur unter bestimmten Berufsgruppen, Kaufleuten und Soldaten etwa. Wie Otto Zierer erzählt, war unter römischen Legionären der Kaiserzeit das Rauchen von `Kräutern` beliebt, ohne dass die Sitte von der übrigen Gesellschaft angenommen wurde. (Kräuter heisst übrigens auf Latein herbae, woraus sich englisches herb ableitet, eine beliebte Bezeichnung für Hanf.) Erst die heutige Multilateralisation der Kultur bringt in Folge die Internationalisierung der Drogen mit sich. Und genauso wie es früher, als die in sich geschlossenen Kulturkreise fremde Drogen nicht akzeptieren wollten, unmöglich war, ihnen diese aufzuzwingen, so ist es heute nicht möglich, aus der Vermischung der Kulturen hervorgegangene internationale Ausbreitung der Rauschmittel zu verhindern.

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Die lange Drogentradition wäre an sich nicht ganz so interessant, gäbe es keine deutlichen Hinweise darauf, dass Drogen eine einzigartige Rolle in der Entwicklung der Menschheit spielten. Man muss davon ausgehen, dass gerade sie für die Verwandlung des Menschen in vernunftbegabtes Wesen verantwortlich sind. Sie bieten sich von selbst als Antwort auf die Frage Herders: `Was fehlet dem menschenähnlichsten Tiere, dass es kein Mensch ward?`. Die Humangenese wurde eindeutig durch Drogen verursacht, das heisst, der ominöse `Qualitätsumschlag vom Tier zum Menschen` (Konrad Lorenz) vollzog sich mit Hilfe von Drogen, denen das Tier, das später Mensch ward, aus welchen Grund auch immer, ausgiebiger zugeprostet hatte, als es andere Tiere taten.

Beschäftigen wir uns kurz mit der Chemie der Drogen, um diese Behauptung zu überprüfen. Die von Drogen ausgelöste Vorgänge spielen sich im Bereich der Grosshirnrinde ab, wo sie die Produktion von Azetylcholin regeln, das für das Zusammenspiel zwischen Neutronen zuständig ist; es ist nachgewiesen, dass Drogen gewisse chemische Veränderungen dieser Gehirnströme verursachen. Sagen wir, dass sie da so etwas wie `Fehlleitungen` und `Kurzschlüsse` herbeiführen. Diese aber bereichern eindeutig das Denken, machen es effizienter, was den Benutzern von Halluzinogenen bekannt ist: unter der Einwirkung von THC zum Beispiel, und noch deutlicher bei LSD, hat man das Gefühl, daß das Gehirn in einer einzigen Nanosekunde Myriaden von Neuschaltungen zwischen den Verschiedenen Synapsen `testet`. Und nicht minder deutet der Heißhunger auf Süssigkeiten, der sich beim Genuß vieler Drogen einstellt, auf die rege Tätigkeit des Hirns, das dabei enorm viel Zucker verbrennt. Also könnte es durch die ständige Benutzung der Drogen sehr wohl zur Zerebralisation kommen: weil es unentwegt zur Arbeit gereizt wurde - was arbeitet, entwickelt sich -, erfuhr das menschliche Hirn seine gewaltige Vergrösserung und Weiterdifferenzierung und bildete schliesslich jene Gyrus Supramarginalis-Zentren für Praxis, Gnosis und Sprache aus. Nur also mit Zuhilfenahme der Drogen konnte bei Menschen jene Tür aufgehen, welche Huxley als doors of the perception bezeichnete.

Eine andere Erklärung für die Entstehung des Geistes gibt es übrigens nicht. Die Wissenschaft hat an der Frage resigniert. Du Bois-Raymond hielt es für unmöglich zu erraten, worauf das menschliche Bewusstsein berührt: ”Ignorabimus!”, sagte er - wir werden es niemals wissen. Teilhard de Chardin sieht ”... das Denken, dieses gewaltige Phänomen, das die Erde revolutioniert hat und sich mit der Welt misst...” nur als ”... eine unerklärliche Anomalie...”. Die Wissenschaft tut sich mit dem menschlichen Geist schwer und erklärt ihn weder im Allgemeinen, noch seine Entwicklung im Speziellen auch nur halbwegs zufrieden stellend. Besonders seine Entwicklung in technico ist ein Rätsel, das sich mit keinem evolutiven Vorgang erklären lasse. Das Dilemma ist anschaulich in der Sonderstellung sichtbar, die der Entstehung des Geistes in der Mythologie - in der Bibel etwa - gewährt wird: Gott erschafft zwar die Menschen, lässt sie aber unwissend.

Evolutiv, als Notwendigkeit also, ist das abstrakte Denken nicht zu erklären. So sehr sich der praktische Geist selbst aus blosser Überlebensnotwendigkeit erklären lässt - die Benutzung der Werkzeuge etwa, die auch in der übrigen Fauna Gang und Gäbe ist -, so sind die Denkabstraktionen umso weniger erklärbar. Das Grübeln über den Sinn des Lebens ist für das Überleben nicht nur schlichtweg belanglos, sondern zunächst einmal knallhart gefährlich. (Als Beispiel für diese Behauptung der Tod Porthos in Dumas `Zwanzig Jahre später`. Da zündete der Recke in den Kasematten unter einer Festung die Lunte an, rennt zum Ausgang – und beginnt sich zum ersten Mal im Leben abstrakte Gedanken zu machen. Wieso beginnt er zu rennen, wenn er rennen möchte? fragt er sich, und die Frage verwirrt ihn dermassen, dass er nicht mehr rennen kann. Da geht die Sprengung hoch...) Bereits darum ist es kaum anzunehmen, dass irgendein evolutiver Vorgang für die Entstehung der reinen Vernunft verantwortlich sein könnte. Als Erklärung verbleibt einzig eine, von Aussen implizierte chemische Initiation, und die könnte allein in Form von Drogen erfolgt sein.

Diese Hypothese fand in den Arbeiten von Huxley, Leary, Cooper und vielen anderen ihre Verifikation, so dass man sie heute als gut fundierte Theorie von axiomatischem Wert betrachten darf. Wie Charroux es bemerkte, ist die Behauptung durch die Bibel einwandfrei belegt. In der Genesis durchlaufen Adam und Eva einen Initiationsritus, indem sie vom `Baum der Erkenntnis` essen und erst dadurch `wie Gott` werden - fähig zu erkennen. Zunächst also waren sie ahnungslos, dann bringt ihnen der Genuss einer Pflanze das Bewusstsein von sich selbst und den Dingen drumherum - deutlicher wäre der Akt des Bewusstseinserlangens durch Drogen kaum darzustellen.

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Was an der biblischen Interpretation der ersten gnostischen Erfahrung auffällt, ist die interessante Tatsache, dass das Erlangen des Bewusstseins (als der Sündenfall) auch mit der Entstehung der Erotik in Verbindung gebracht wird: nach dem Genuss der Droge verwandelt sich Eva in ein Sexualobjekt, womit sie Adam zur Sünde verführt. Man hatte es auch mit dem Lachen (oder auch mit  Weinen) in Verbindung bringen können: Lachen und Weinen, Sexus und Gnosis sind durch ihre Abstammung untrennbar verbunden. Die bewussteren Benutzer der halluzinogenen Drogen kennen den Effekt, das sich beim Genuss der Droge anstellt: Steigerung der mentalen Fähigkeiten, Stimulierung der Libido und Heiterkeits- beziehungsweise Emotionsausbrüche. So ist es kaum verwunderlich, dass das einzige vernünftige Tier zugleich auch das einzige ist, das ewige Paarungsbereitschaft an den Tag legt und als einziges lachen beziehungsweise weinen kann. (Eben mit dem Lachen übrigens wurde der Mensch zum Aussenseiter der Fauna: übrige Tiere verstehen das Zeigen der Zähne als Bedrohung, einzig der Mensch benutzt es als ein Ausdruck der Freundlichkeit.)

Und da es hier (vom Denken selbst abgesehen) um ganze drei potenzierenden Eigenschaften geht, die den Menschen von der übrigen Fauna trennen, und da sie alle drei in den Halluzinogenen zu finden sind, so kann es eigentlich keinen Zweifel mehr geben, wo die `Quellen des Nils`, der Ursprung des Hohen Geistes und die Wurzeln Gottes liegen.

(Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies lasse sich also auch anders erzählen als sie bei Moses steht:

Als Gott sie aus dem Paradies hinauswarf lachten sich Adam und Eva zuerst einen ab, schoben anschliessend eine wüst-genüssliche Nummer (um wie nebenbei mit dem Nachwuchs zu beginnen) und spuckten sodann in die Hände. Na warte, du alter Gauner! dachten sie sich dabei: dir werden wir es noch zeigen, denn nun kennen wir dein Geheimnis! Da sie dann zunächst heulen müssten, machte nicht viel zur Sache – sie waren sehr, sehr zuversichtlich.)

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Aber nicht nur Bibel erinnert sich, wie der Mensch zu seinem tollen Verstand kam. Der Vorgang des Bewusstseinerlangens bedeutet solch eine gewaltige Zäsur in der menschlichen Entwicklung, dass er von vielen Mythen in verschlüsselter Form registriert wird. So zum Beispiel von Rig Veda. Das Arierepos erzählt uns eine bibelidentische Geschichte und variiert sie nur insofern, dass das Ereignis nicht mit dem Stigma der Sünde behaftet ist. Da wird, noch in Zeiten des Chaos, Gott Soma von anderen Göttern getötet. Aus seinem Blut wächst sodann eine Pflanze, von deren Saft die Götter trinken, wonach sie klug, stark und unsterblich werden. Ein Adler, eine Inkarnation des Herrschergottes Varuna, bringt die Somapflanze den Menschen, damit sie auch ihnen nützlich sein kann. Die Menschen, die bis dahin im absoluten Chaos lebten, lernen nun zu unterscheiden, und Soma wird zum Hüter des Geistes und Leibes: er regt das Denken an, gibt neuen Mut, heilt die Krankheiten... Und Rig Veda, ein Drogenepos par excellence, ist nicht nur ein Epos zur Regelung der Bräuche bezüglich der Drogenbenutzung, sondern auch ein Hymnus der Dankbarkeit an die Drogen:                               

      Wir haben Soma getrunken.

      Wir sind unsterblich geworden.

      Zum Lichte gelangt,

       haben wir die Götter gefunden.

      Was kann uns nun die Gottlosigkeit

       oder die Bosheit des Sterblichen anhaben?

In der hinduistischen Kosmogonie ist Soma (= Droge überhaupt) mit der Glückseligkeit gleichgesetzt und in dieser Eigenschaft die letzte Ursache der Schöpfung. Indem der göttliche Wille und die Glückseligkeit miteinander verschmelzen, durchdringen sie das ganze Universum. Soma ist ein Symbol des erleuchteten Herzens und erleuchteten Verstandes, somit das reinigende Element, das von Enge befreit und das Bewusstsein erweitert. Selbst die Götter können ohne Drogengenuss nichts ausrichten: erst nachdem sie Soma getrunken haben vermögen sie die, ihrer spezifischen Natur eingeborenen, Grenzen zu überschreiten und ihre höchste Mission zu erfüllen - über die Dämonen (= das Böse) zu triumphieren.

Uns ist heute nicht mehr bekannt, was Soma für eine Pflanze war. Die Forscher der Veden haben hier mancherlei vermutet, so Fliegenpilz, Stechapfel oder sogar Rhabarber(!), doch dem kann es kaum so sein, weil nach klaren Hinweisen aus Rig Veda Soma eindeutig eine perennierende Pflanze war. Am naheliegendsten ist es anzunehmen, dass sowohl Soma der Arier wie Haoma der Perser bis zum Beginn unserer Zeit unter dem Namen Noah bekannt gewesen sind.

Es gibt Beispiele, wo die Mythologie in Form von Symbolen deutliche Verbindungen zwischen den Drogen und Geist herstellt. So verehrten Ägypter in der Gestalt des Gottes Thot den Mond einerseits als Symbol der (Drogen)Ekstase und anderseits als das des Wissens und der Schrift.

Jedenfalls gäbe es in den Mythologien genug Musterbeispiele für Verflechtung von Drogen und Geist, um damit Bücher zu füllen. Hier sei noch Yogasutra erwähnt, nach der der gewöhnliche Mensch den samadi, den Allmachtzustand, `... mit Hilfe von Pflanzen...` erwerben könne; sowie die Suche, die Gilgamesh nach der `Zauberpflanze` unternimmt - eine Episode, die in mittelalterlichen Legenden von der Suche nach dem Gral ihr okzidentales Gegenstück findet.

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Nicht nur theoretisch, auch praktisch gäbe es Beweise für die Rolle, die Drogen in der Entwicklung der Menschen spielten. So gibt es Vorgänge, die ohne weiteres auf eine einheitliche Initiation des Geistes schliessen lassen. Um den Ablauf dieser Initiation nachvollziehen zu können, vergegenwärtige man sich zunächst der Behauptung Hoimar von Ditfurths, dass es durchaus ausreiche, wenn sich ein Mutationsvorgang ein einziges Mal ereigne, um in evolutivem Sinn wirksam zu sein. So genügte es, meint er, dass es gelegentlich jener Katastrophe, die sich auf der Erde abspielte als sich die Atmosphäre mit dem Sauerstoff anzureichern begann - mit einem Stoff also, der fürs damalige Leben absolut tödlich war -, einen einzigen Organismus gab, dem, sicher infolge einer Anomalie, der Sauerstoff nichts ausmachte, der ihm sogar nützlich war. Alle übrigen Anaeroben mussten aussterben; einzig diese eine blieb übrig und begründete alle nachkommende Organismen auf der Erde.

In die Dimensionen des Bewusstseinerlangens übertragen bedeutet dies, dass es durchaus genügte, dass nur eine Gruppe eines bestimmten Tieres irgendeine halluzinogene Pflanze zu seiner Hauptnahrung erkor - mag sein gerade Noah/Soma - und dadurch den unschätzbaren Vorteil einer Zerebralisation erlangte. Alle anderen Tiere, ja alle anderen Spezies gleichen Art, setzten ihre übliche Entwicklung fort, einzig diese eine Gruppe, die plötzlich eine neue Variante des Überlebens beherrschte, erklomm eine höhere Spirale der Evolution. Sie setzte sich dadurch in einer, bis da weder besetzten noch überhaupt bekannten Ökonische fest, sicherte sich damit bis zu dem Zeitpunkt ungeahnte Erfolge, was ihre Totalisation über den ganzen Globus bedingte. Alle heutigen Menschen stammen dann von dieser einen Gruppe jenes bestimmten Tieres ab.

Diese Ausführung liesse sich noch auf mannigfaltige Weise belegen. So durch die viele abgebrochene Äste auf dem phylogenetischen Stammbaum der Primaten. Das könnte davonkommen, dass die ursprüngliche Hauptgruppe enorm erfolgreich wurde, darum zu zahlreich. So spalteten sich davon kleinere Grüppchen ab, die auswanderten und sich in einer neuen Umgebung niederliessen. Manche dieser Gruppen geriet in eine Umgebung, in der es keine halluzinogene Pflanzen gab, so verlangsamte sich bei solchen Gruppen die Entwicklung des Geistes, hörte sogar auf, retardierte vielleicht manchmal infolge der äusseren Impulsen.

Es lasse sich witzigerweise sogar ganz genau das Gebiet bestimmen, wo der epochale Vorgang der Drogierung zum Anthropoiden stattfand. Das war natürlich im Ostafrikanischen Graben, also in Afar, in der Olduwai-Schlucht und am Turkanasee. Denn nicht zufällig wurden alle gängigen Prototypen des Menschen in Ostafrika kreiert. Erst der Echtmensch hinterlässt überall in der Welt seine Funde.

Dass der Vorgang der Initiierung des Geistes nur ein einziges Mal erfolgte, wäre zudem auf eine äusserst interessante Weise und absolut apodiktisch nachweisbar. Es gibt in der Menschheitsgeschichte ein bestauntes Phänomen, von Jaspers `Achsenzeit der Weltgeschichte` genannt, das gleichfalls weder mit den evolutiven noch sozialen noch psychologischen Theoremen erklärbar ist. Gemeint ist jene `Explosion des Denkens` - anders kann man es nicht nennen -, die gleichzeitig um den ganzen Globus stattfindet, und als Geburtsstunde der Philosophie und Aufkeimen der Idee Übermensch gilt. In der Tat ist das eine seltsame Fügung, dass es in 8.-6. Jahrhundert vor unserer Zeit sowohl in China und Indien, wie auch in Europa, also in den Kulturkreisen, die, wenn überhaupt, dann nur zufällige und sporadische Berührungen miteinander hatten, zu einem Boom des abstrakten Denkens kommt. Lao Tse, Buddha, Zarathustra, Moses und Sokrates sind so zu sagen Zeitgenossen, und es ist anzunehmen, dass es zu der Zeit auch in Amerika identische Regungen gab (irgendwelche Unterlagen darüber gibt es nicht, denn die Konquistadores hatten wahrhaft die ganze Arbeit geleistet!).

Einzig mögliche Erklärung für die Synchronität der Erscheinung des höheren Denkens ist die Tatsache seiner einmaligen Initiation. Einmal durch die Drogen geweckt - und immer wieder durch sie aufgepowert - entwickelte sich das Bewusstsein weiter, um nach Äonen, als sich diese spezielle Art von Tier, nunmehr schon Mensch, über den Planeten ausbreitet hat, jene Reife zu erreichen, die zum abstrakt-theoretischen Denken befähigte. Die Epoche des reinen Denkens, das Zeitalter der Philosophen, hebt an. (Homo SS ist an sich ein Homo PP - ein Homo Philosophicus Pfifficus.)

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Mit der Ahnung von dieser überragenden Rolle, die Drogen in der Entwicklung der Menschheit spielten, einer Ahnung, die sich wie ein roter Faden durch Mythen und Sagen zieht, sind sowohl der Heiligkeitsstatus der Drogen in den verschiedenen Kulturen erklärbar, wie auch die Unmöglichkeit ihrer Prohibition - kein Drogenverbot hatte je eine Chance. Und Verbote gab es wahrhaft zu genüge in der Geschichte der Drogen. Es gibt kaum eine Droge, die irgendwann in ihrer Geschichte nicht verboten wurde. Selbst der Kaffee galt zeitweise als Teufelsbrühe und stand auf dem Index. (So liessen osmanische Herrscher verschiedentlich den Kaffee verbieten, und eben in dem Beispiel haben wir den Beweis, dass Drogenverbote nur und ausschliesslich eine Sache des Politikums sind – des politischen Zwanges und der Unterdrückung. Man verbot den Kaffee ja angeblich, weil der Genuss der verkohlten Pflanzenteile mit dem Koran nicht kompatibel sei, in der Wahrheit aber, weil die Kaffeehäuser zu den richtigen Horten des Müssigganges, somit auch des Nachdenkens, somit auch rein automatisch der Opposition geworden sind.)

An sich sind die Drogenverbote genauso alt, wie der Mensch selbst. Kaum erschuf Gott Adam und Eva, als er sich bereits vor ihnen in bester Politikermanier aufspielte: ”Aber von dem Baum der Erkenntnis (...) sollst du nicht essen; denn am Tage, da du von ihm issest, muss du des Todes sterben.” (1 Mo. 2.17) Klingt das nicht allzu bekannt? Aber ja doch! Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen - inzwischen sogar sehr gut! - auch die Herrn Verfasser!

Ein tyrannisches Verbot. Warum hat er sie überhaupt erschaffen, wenn er ihnen das Beste, was die Existenz zu bieten hat, die Erkenntnis, verweigert? Und warum verweigert er sie ihnen überhaupt? Die Schlange kennt die Hintergründe: ”Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiss; an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott.” (1 Mo. 3.4) Gott verweigert es ihnen also aus gleichem Grund, aus dem auch die heutige Möchtegernegötter die Drogen verweigern: er ist in der kleinlichen, eifersüchtigen  Sorge um seine Vormachtstellung; wenn sie erkennend sind, so würden sie auch früher oder später all das können, was er auch kann, er würde sich vor ihnen nicht mehr als allmächtig aufspielen können, sie werden ihm nicht mehr zu Willen und sein Spielzeug sein. Darum lügt und betrügt er! Denn Adam und Eva, sosehr sie mit ihrem Akt des zivilen Ungehorsam jene - hypothetische! - Unsterblichkeit verlieren, sterben keinesfalls an dem Tag, da sie davon essen, wie er ihnen androhte. Im Gegenteil! Als das Urweib mit seinem feinen Instinkten begriff, ”... dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug macht” (1. Mo. 3.6), da gewinnen sie etwas - eben die Erkenntnis, die erst ihren Existenzen einen Sinn gibt. Erst so gewappnet, können sie sich in selbstständige, unabhängige Wesen verwandeln.

Es spricht nun für den alten Herrn, für seine Weisheit und Güte, dass er weiter nichts dagegen hat, dass sie den Weg, den sie eingeschlagen haben, auch weiter gehen. Es gibt keine weiteren Gebote gegen Drogen mehr: ”Alles, was sich regt und lebt, das sei euere Speise; wie das grüne Kraut habe ich euch alles gegeben.” (1 Mo. 9.3). Alles, das bedeutet auch alles, was die Erkenntnis fördert, also auch Wein und Opium, Cannabis und Koka - was wohl ganz gezielt mit jenem `grünen Kraut` ausgedrückt ist... Spätere Verbote kommen nun ausschliesslich von jenen, die die Rolle Gottes gerne selbst spielen wollten. Sobald sich die ersten sozialen Perversionen, das heisst die Institutionen, die über die Grossfamilie, beziehungsweise den Familienstamm hinausgingen (wie der Grossstamm, die organisierte Religion, der Staat), herausgebildet haben, gab es Bestrebungen, bestimmte Drogen, die als machtfeindlich angesehen wurden, unter Kontrolle zu bringen, oder die Drogen durchzusetzen, mit deren Hilfe man die Machtausübung zu effizienter zu machen hoffte.

 

Beispielhaft hierfür Zarathustra und Haoma.

Interessanterweise schrieb die Volksüberlieferung sogar die Zeugung Zarathustras dem Haoma zu. Seine Mutter sollte die Tautropfen von einer Haomapflanze getrunken haben und wurde dadurch schwanger. Diese hübsche Geschichte hinderte den Machthungrigen Propheten keinesfalls daran, sich geradezu pöbelhaft über die ”schmutzige Flüssigkeit” (O-Ton Zarathustra) auszulassen. Dazu hatte er handfeste Gründe: Haoma stand der Entfaltung seiner Macht im Weg - die geheime Männerbunde, deren Riten auf Haoma basierten, liessen sich nicht bekehren. Ausserdem wollte er unbedingt eine andere Droge durchsetzen, die er, vermutlich durch skythische Vermittlung, in seiner Jugendzeit kennen gelernt hatte und mit der er zur Ekstase zu gelangen wusste: den Hanf. In der dem Hanf zu verdankenden Trance soll er seine Visionen gehabt und das Wort Ahura Mazdas vernommen haben. Trotz des Terrors aber, den er zwecks Durchsetzung seines Willens praktizierte, liess sich seine Prohibition genauso wenig durchführen wie die heutige. Darum lenkte er bald ein. Der Klügere gibt nach, dachte er wohl (heutige Politiker sollten vielleicht von ihm lernen!), und erreichte sein Ziel indem er Haoma als Kultdroge akzeptierte, was ihm auch das Wohlwollen jener Geheimbunde einbrachte.

Übrigens ist für die Drogenverfolgung typisch, dass die Frauen - wen wundert's? - eher, öfter und härter von jeglichen Drogenfaschismus betroffen waren als die Männer. Der Grund ist klar: die sollten noch unwissender als die Männer gehalten werden. Fast anekdotisch hier die Bräuche unter den australischen Ureinwohnern, die sich mittels einer besonderen Insektenart anzutörnen pflegen. Eine der Arbeiten, die ihre Frauen verrichten, besteht darin, diese Insekten zu sammeln. Freilich: nur zu sammeln! Sie zu essen ist den Frauen strengstens verboten und ein von grössten Tabus überhaupt. Auch die Amazonaindios erlauben den Frauen nicht, sich an den Drogensitzungen der Männer zu beteiligen.

Natürlich hält man nicht nur in den Urgesellschaften die Frauen von geistigen Genüssen fern. Auch die Kreise mit ausgesprochen hoher Kultur tabuisierten die Drogen für die Frauen. Der Kampf um die Drogenemanzipation der Frau ist das Thema von `Die Bakchen` des Euripides. Dem Tragöden gelang es sogar, die politischen Hintergründe des Problems scharf herauszuarbeiten. Dionysos gegenüber stellt er den Herrscher Pantheus, der das Konservative repräsentiert. Der Tyrann wirft Dionysos vor, unter dem Vorwand, die süssen und bezaubernden Praktiken der Evoe zu lehren, kleine Mädchen zu verderben. (Heute heisst es fast identisch: unter dem Vorwand der Bewusstseinerweiterung wird die Jugend kaputtgemacht!) Erstaunlich aktuell, unverfroren und dumm, als wäre er ein Drogenbeauftragter der Bundesregierung, weiss Pantheus zu diffamieren:

                                                             ”... Wo Frauen

             Der Traube Saft beim Mahl geniessen dürfen,

             Ist an dem ganzen Kult kein gutes Haar.”

Mag sein, dass die Griechen durch die Bräuche der Lyder erschrocken, deren Frauen erstaunliche (vor allem sexuelle) Freiheiten ausleben durften, den Griechinnen das Weintrinken verboten. Die Lyder nämlich, Dionysos Chiropsallas (Scheidenspieler) verehrend, hielten in ihren ankon (Süsser Winkel) genannten Lustheinen die absoluten Orgien, bei welchen bereits die Kinder mitmachen durften, wo es unbeschreiblich wüst zuging und Wein in Strömen floss. Die Drogen sind nämlich nicht nur ein Denkanreger, sondern in der Regel extrem wirksame Aphrodisiaka.

Aus diesem Grund befand möglicherweise Nietzsche, dass das Weinverbot für Frauen im republikanischen Rom aus Furcht vor dem orgiastischen und dionysischen Wesen der Frau ausgesprochen wurde. Gerade an diesem Verbot kann man die ausgesprochene Willkürlichkeit ersehen, die den Drogenverboten auch ansonsten, also auch heute noch, zugrunde liegt. Das römische Verbot greift schlicht auf einen Mythos zurück, in dem Bona Dea (Gute Göttin, die Kultgöttin der Matronen) die Gattin des Fauns, sich einmal betrank. Zur Strafe schlug Faun sie zu Tode. (In seiner Deutung ging Nietzsche wohl von einer anderen Version des Mythos aus, in der es heisst, Bona Dea war nicht die Gattin, sondern die Tochter des Fauns gewesen, und der entflammte in einer sündigen Leidenschaft zu ihr. Um sie gefügig zu machen gab er ihr den Wein...) Lustigerweise tranken die Römerinnen während der Mysterien zur Ehre der Bona Dea doch den Wein, nannten es aber `Milchopfer`.

Ob die frevelnden Römerinnen wegen der Übertretung des Verbots bestraft wurden, ist mir nicht bekannt. Dass jedoch im Mittelalter Frauen wegen des Drogengenusses verbrannt wurden, ist eine Tatsache. Bei den Hexenprozessen drehte sich so ziemlich alles um die so genannte Hexensalbe, die im Kult eine entscheidende Rolle spielte. In der Tat war die stark halluzinogene Mischung aus Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut und LSD-haltigen Mutterkorn zu jener Zeit unter den europäischen Frauen erstaunlich beliebt und verbreitet, weil sie jene Eigenschaft aufwies, vor der die antike Völker Angst hatten: sie wirkte stark orgiastisch. Nicht zuletzt aus diesem Grund war die Salbe, die sowohl Inkubus wie Succubus süss machte, dermassen populär. Wenigstens ansatzweise bedeutete sie die Befreiung von dem christlichen Keuschheitsdogma, mit dem primär die Frauensexualität extrem unterdrückt wurde.

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Trotz aller Verbote blieb der Rausch bis in unsere Tage eine heilige Angelegenheit: Rausch der Schamanen und Priester, Rausch der Dichter und Denker. Durch Rausch nahm man den Kontakt zu den Göttern auf, bessergesagt, zu den höheren Sphären des Bewusstseins. So weist Fohrer nach, dass die Propheten des alten Testaments ihre übernatürlichen Fähigkeiten ausnahmslos in der Drogenekstase entwickelten.

Und der von Propaganda unbeeinflusste Mensch von früher sieht darum die überragenden Persönlichkeiten öfters durch Drogen bedingt; den Mythos von Zeugung Zarathustras haben wir bereits erwähnt. Und auch im `Alexanderroman`, einer Ansammlung der Volksüberlieferung über Alexander den Grossen, finden wir den gleichen Glauben, da ist die Zeugung des Helden durch `die Kräuter der Wüste` eingeleitet, die `die Fähigkeit haben, Träume hervorzurufen`, eine Beschreibung die ziemlich eindeutig auf Hanf hinweist. Als wie wichtig aber die Menschen die Drogen erachteten, wie stark der Glaube war, dass sie uns zu höheren Wesen machen, ist den uralten wie auch modernen Initiationsriten zu entnehmen. Von den Indios Südamerikas, die ihre heranreifende Mitglieder mit heiligen Drogenriten in den Reifezustand versetzen, bis zu der profanen Geste, mit der in unserer Gesellschaft der Abiturient das Schampusglas in die Hand gedrückt bekommt - Drogen spielen in den Reiferitualien überall eine Rolle.

Schliesslich ist die Bedeutung der Drogen in der enormen Beliebtheit sichtbar, der sich stimulativen Substanzen in den Künsten und im geistigen Leben erfreuen; unzählige Künstler und Geistesarbeiter ahnten also, dass Drogen nicht nur Fluch, sondern genauso Segen bedeuteten. Mircea Eliade, einer von den seltenen anerkannten Wissenschaftlern, der Drogen nicht mit Vorurteil behandelt, sondern sie nach ihrer Wichtigkeit für die Menschheit überprüft, betont die hohe esoterische Tradition der Drogen und behauptet, dass die überwiegende Zahl der Stoffe, der Motive, der Personen, der Bilder, der Klischees in der Epik und somit in der Literatur überhaupt, ekstatischen Ursprunges sind. Und durch die Geschichte hindurch gab es kaum einen grossen Namen, der sich nicht mit dieser oder jenen Droge antörnte; wahrhaft die glanzvollsten Stars der Menschheit dürfte man hier als Beispiel aufführen. Von den Weintrinkern - wie Jesus - einmal abgesehen, törnten sich die Religionsstifter wie Zarathustra und Mohammed an; die Herrscher, Monarchen, Staatsmänner und Politiker wie Friedrich der Grosse, Königin Victoria, Bismarck und Washington, und auch Ghandi hätte seinen grossen Hungerstreik ohne Zuhilfenahme von Drogen kaum durchstehen können. Weiter wären hier die Renaissancegiganten wie Bruno und da Vinci zu erwähnen, Denker wie Voltaire und Nietzsche... Nach Voltaire hätte sich gar jeder moderne Staatsanwalt die Finger geleckt! Der ohnehin unverschämte Philosoph dealte ausgerechnet am Hofe seines Freundes, des Preussenkönigs, den er auch persönlich mit Laudanum versorgte, wie das einem Brief Friedrich II zu entnehmen ist. (Der Brief ist in Gaxottes Biographie Friedrichs zitiert.)

... Und es törnten sich die Dichter an: wie Lessing und Baudelaire und Poe und Lewis Carroll und... und... und... - wie selten eine Kunst, wie vielleicht nur noch Popmusik, ist die Literatur von Drogen inspiriert. Und wenn sich dann Mary Ann Evans, die als George Eliot besser bekannt ist, ahnungslos rühmt, ohne Opium leben zu können, beeilte sich J.B. Priestly, sie eines Besseren zu belehren: ”Aber die Literatur hat das bisschen Opium nötig!” kommentiert er die Dame... Man darf auch annehmen, dass sich Marx für einen seiner populärsten Sprüche (`Religion ist Opium fürs Volk!`) von seinem Freund Heine inspirieren liess, der Opium für Religion erklärt hatte: ”Aber ich habe auch meinen Glauben. Denken Sie nur nicht, dass ich ohne Religion bin. Opium ist auch eine Religion.”... Und weiter! Es törnten sich die Musiker und Maler an, wie Wagner und Dali; Filmemacher wie Buñuel und Fassbinder; Wissenschaftler wie Freud, Professor Leary und Dr. Cooper. (Auch ein Postkartenmaler, Völkerkundler, Baumeister und Feldherr namens Hitler war dabei - auch das soll nicht verschwiegen werden!)... Zur Stimulation von Geist und Kreativität, meinte Drogenfanatiker Amadeo Modigliani, ist jedes Mittel recht.

Das heisst - und ich hoffe niemand ist so leichtsinnig, mir hierbei zu widersprechen -, ohne Drogen wäre die Welt der Menschen extrem arm dran. Vorausgesetzt freilich, ohne Drogen gäbe es überhaupt eine Menschenwelt. Es ist also anzunehmen, dass uns die Drogen auch in der Zukunft gute Dienste leisten werden.

 

 

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