Drogen als Alltag

Wer nicht raucht und nicht trinkt, ist schon auf andere Weise dem Teufel verfallen.

(Spanisches Sprichwort)

 

Von der Notwendigkeit der Drogen

Dennoch erscheint es übertrieben, Hexen und Juden mit den Drogenusern zu vergleichen. Immerhin konnten jene absolut nichts dafür, als Hexen angeklagt beziehungsweise als Juden geboren zu sein, während sich diese sozusagen aus freien Stücken auf die `falsche Seite` begeben haben. Nicht nur oberflächlich gesehen stimmt dieser Einwand, und ich habe nicht vor, die Quälen und die Tragödie jener auch im Geringsten zu relativieren. Und trotzdem gibt es Berührungspunkte zwischen jenen und diesen, und auch die Quälen der Menschen, die sich mit den verbotenen Drogen abgeben, sind keinesfalls zu leugnen(*). So zeigt bereits eine tiefergehende Analyse, dass dieser Vergleich mitnichten übertrieben ist.

    *Über dieses Thema gibt es einen starken Film mit Nicole Kidman. `Bangkok Hilton` heisst der Streifen über die bestialische Brutalität der [Thai]Justiz in Bezug auf Drogenjuden.

z

So sehr die politische Gleichheit aller Menschen auch begrüssenswert sein mag - physiologisch ist sie keinesfalls gegeben. (Für Politiker und andere Begriffsstützige sei es noch angemerkt, dass diese Feststellung natürlich nicht qualitativ gemeint ist!) Darum ist es auch medizinisch nicht möglich, Drogen allgemein als gut oder schlecht zu katalogisieren. Was einen umbringt, kann einem anderen höchst förderlich sein. Schwerstalkoholiker und Opiumesser werden in bester Gesundheit achtzig und mehr Jahre alt, während sich die anderen, die quasi `falsche Droge` erwischt haben, noch als Jugendliche mit Kaffee umbringen. Das gleiche gilt für Haschisch und Nikotin, für Kokain und Medikamente, für alle erlaubten oder verbotenen Substanzen; das gleiche gilt schliesslich für die Lebensmittel, für alles, was der Mensch seinem Stoffwechsel zuführt. Absolut nichts ist zu typisieren, zu generalisieren und unter einen Hut zu bringen. Darum meinte Kant wohl, dass niemand ein Recht darauf hat, Mich zu belehren, auf welche Weise Ich glücklich und zufrieden sein darf.

 

Anderseits sind Drogen als Nezessitäten anzusehen: als etwas, was der Mensch einfach nötig hat. Solches Verständnis der Drogen, das früher ohne viel Aufheben allen Menschen eigen war, kann man heute noch unter den so genannten `primitiven Völkern` beobachten. Bei einem Stamm auf Yucatan etwa, bemalen sich die Indios die Körper mit den Bildern von Wild, Mais und Peyote, als Symbolen für fleischliche, pflanzliche und geistige Nahrung... Und es herrscht nicht minder in der modernen Gesellschaft die Auffassung, dass der Mensch Drogen braucht - worunter man dann freilich ausschliesslich Alkohol und Nikotin versteht, verheuchelterweise aber nicht als Drogen, sondern als Genussmittel bezeichnet. So als Mittel zum Abschalten, zur Rekreation und ähnliches. Warum auch nicht! Mit Hilfe der Drogen hat der Mensch viele Schwierigkeiten gemeistert. Es ist in der Tat so, dass ein dermassen beanspruchtes und gestresstes Wesen wie der High-Tech-Mensch, auf Droge als innere Stütze noch dringlicher angewiesen ist, als der gemütliche Mensch der Vergangenheit.

 

Demzufolge gibt es in der Regel kaum einen Menschen, der nicht dieser oder jenen Droge frönt. Sei es die kaffeejunkende Altjungfer, machtsüchtiger Politiker oder der rast- und restlos abgewirtschaftete Workaholic; sei es der Autobahnraser, der im Endorphin-Rausch sein und andere Leben bedroht, der Kettenraucher mit seiner unkontrollierten Sucht oder der Aktivist, der die ganze Gesellschaft auf den eigenen Trip zu bringen sucht. Alle sind wir von irgendetwas abhängig, was für uns genauso schädlich sein kann, wie es uns auch positiv zu stimulieren vermag... Die Entscheidung darüber liegt, entgegen der Paracelsus' Meinung, nicht so sehr in der Dosis(*), vielmehr ist es in der schon angesprochenen persönlichen Prädisposition für bestimmte Stimulanzien zu suchen, sowie einer seelischen Identifikation mit der Droge. Durch diese bleibt man von den belastenden Gewissensbissen verschont, die die eigentliche (= krankhafte) Sucht fordern und sie gefährlich machen.

    *David Cooper äusserte die interessante Meinung, dass jene Raucher, die Lungenkrebs bekommen, nicht zu viel, sondern eher zu wenig rauchten; zu wenig meint: um zufrieden zu sein. (Zufriedene Menschen bekommen keinen Krebs. Wobei man natürlich strikt zwischen Glück und Zufriedenheit unterscheiden muss: ein unglücklicher Mensch kann dennoch zufrieden sein, und all das Glück der Welt kann einem jene eigentliche Zufriedenheit mit dem eigenen Schicksal nicht ersetzen.)

Weiter:

Für viele Menschen ist die Liebe genauso eine - nicht selten tödliche! - Droge, wie für andere die Popmusik; die Religion vermag genauso anzutörnen - und kaputtmachen! - wie jede andere Ideologie. Robert Jungk bescheinigt sogar der Technik die Qualitäten - und Gefahren - einer Droge, was man ohne weiteres auch von der Kunst behaupten darf: “Kunst ist eine grausame Angelegenheit, deren Rausch bitter bezahlt werden muss.” äusserte sich Max Beckmann in diesem Sinn. Selbst die Kosmonauten, die als Inbegriff der Nüchternheit gelten, werden mit den Drogen voll gepumpt, und Pentagon gibt unumwunden zu, dass etwa dreiviertel der US Top-guns mit allen möglichen Highmakers voll gestopft herumkurven... Was mich schliesslich angeht, so fliege ich persönlich viel lieber mit einer Flugzeug-Crew, die sich mit Hanf oder Kokain auf das Flug vorbereitet, als mit einer, die zu gleichem Zweck Tabletten oder Alkohol benutzt... Last but not least: auch die Youngsters kommen ohne Drogen nicht aus und berauschen sich am Computer, Cola und Pattex. Wie man es also dreht und wendet, nichts hilft - wir sind eine Gesellschaft der Süchte(*)!

    *Warum das so ist, bleibt unwichtig.“... die Anziehung, die das Rauschgift ausübt, (lässt) sich weder durch die Begriffe Laster oder Tugend, noch durch die einfache Psychopathologie erklären.” behauptet Jean Luis Brau in `Vom Haschisch zum LSD`.

z

Apropos Jugendliche! Sie werden von ihren Eltern (die sich bestimmt extrem aufregen werden, falls die Sprösslinge einen Joint durchziehen würden), mit den Pharma-Drogen ohne Rücksicht auf ihre Verträglichkeit, Nebenwirkung und Schädlichkeit traktiert. So werden etwa 15% aller Babies und Kleinkinder mit Psychopharmaka in Ordnung gebracht, das heisst ruhiggestellt... nicht selten zu richtigen kleinen Engeln gemacht... Nach einer Befragung von 1700 Schulkindern zwischen 12 und 16 Jahren stellte man fest, dass gut ein Drittel der Knaben und sogar mehr als die Hälfte der Mädchen nicht nur gelegentlich sondern regelmässig pharmazeutische Drogen einzunehmen pflegt: gegen Kopfschmerzen und Allergien, als Herz-Kreislauf- und Beruhigungsmittel, als Schlaftabletten, Pillen zum Anregen, zum Zügeln des Appetits usw. usf... Wie viele Opfer uns diese Behandlung mit den Chemischen Keulen abverlangt ist nicht bekannt - darüber scheint's keine Statistiken zu geben.

 

Dass Kinder aber bereits im zartesten Alter auch mit Alkohol ihre Bekanntschaft machen dürfen, belegt eindrucksvoll eine symptomatische Szene aus einem Familienquiz in der ARD. Der Moderator fragt den Vater nach dem Hobby. Biertrinken! meint dieser stolz. Mutter? Mutter auch. Na, dann bleibt für die Kleinen nur noch Limo, witzelt der Moderator, doch die, etwa zehnjährige Tochter, die offensichtlich auch für ihren noch jüngeren Bruder spricht, korrigiert ihn sofort: auch die lieben Kleinen trinken Bier. Ja, aber nur ab und zu einen Schluck! versucht der Moderator die peinliche Szene zu überspielen. Nö! widerspricht energisch das Gör: ganz viel!... (Und das Publikum - das gleiche Publikum übrigens, das ohne weiteres bereits wäre jeden Kiffer zu lynchen - lacht.)

z

Bleiben wir zunächst bei dem Drogenboom von heute - dass es einen solchen gibt, ist nicht zu leugnen. Er hat sicher mannigfaltige Ursachen. Im politischen Sinn ist eine besonders wichtig. Die liegt in den tiefsten Bereichen der Psyche verborgen und leitet sich aus den Urängsten der Menschen ab. Die Vernichtung der Ökosphäre infolge der verfehlten Gierpolitik der letzten 200 Jahre, sowie die aus gleicher kurzsichtiger Politik resultierende Bevölkerungsexplosion, hat die Menschheit in der Frage der Zuflucht aufs Schwerste verunsichert. Da diese Zerstörung nun mal aus rein materiellen Motiven betrieben wird, da aus durchsichtigsten Geschäftsinteressen, aus reinster GewinnSUCHT, nicht nur die Menschen und soziale Relationen geopfert werden, sondern auch die Natur gierig verwertet wird - die Luft verpestet, die Erde vergiftet, das Wasser versaut, die Nahrung ungeniessbar gemacht, die Wälder vernichtet (bedenke man nur, welche `Grenzwerte` an Giften uns ansonsten von der Politik zugemutet werden!) - da der, dem Erfolgsdenken abstammender Egoismus selbst in den bisher intaktesten Gesellschaften extrem ungesunde Polarisation der Strukturen erzwungen hatte, wurde das Volk dadurch in Enttäuschung, Angst und Ungewissheit, letztendlich also in die einzige noch verbliebene Zuflucht, in alle mögliche Suchte geradezu per Gewalt getrieben. Und die Politik, die die Frage der Machterhaltung über alle andere Fragen stellt, versteift sich nun darauf, die Sündenböcke, die (vor allem die Bewussstseinerweiternde-)Drogen, die am Verfall der Gesellschaft angeblich schuldig sein sollen, für die eigene Fehler bezahlen zu lassen.

 

Die sozial-politischen Motive der Drogenbenutzung gelten für fast alle Menschen, die sich mit irgendwelchen Drogen abgeben, das heisst für so gut wie alle Menschen. Noch deutlicher wird diese politische Indikation, wenn man sich mit den Menschen beschäftigt, die sich mit den verbotenen Drogen abgeben. Es sind so gut wie ausnahmslos solche Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, an dem Idealbild des modernen Untertanen gemessen, anders sind, die sich demzufolge, mag sein ohne es bewusst wahrzunehmen, in der Gesellschaft der Gleichen nicht gut aufgehoben fühlen. Es sind durchwegs wirkliche oder latente Aussenseiter, die sich der Drogen bedienen, um jene Zuflucht zu finden, die ihnen innerhalb der Gesellschaft nicht gewährt wird(*). Und, wie unerhört sich das auch anhören mag: sie finden ihre Zuflucht - sonst würden sie sich nach dem ersten Probieren kaum noch mit den Drogen abgeben. Mag sein, diese Zuflucht weist nicht die gleiche Qualitäten wie jene, die die Gesellschaft ihren `intakten` Mitgliedern zu gewähren vermag; mag also sein, eine bescheidenere. (Ich sage mag sein, weil ich mich mit Drogen ein bisschen auskenne und eigentlich vom Gegenteil überzeugt bin!) Aber immerhin! Da sie äusserst selten, unter Umständen noch nie eine `wirkliche` Zuflucht kannten, vermögen die Drogen ihnen doch ein bisschen Zuversicht und Hoffnung zu geben, was ihnen dann das meistern des Lebens im wesentlichen erleichtert (beziehungsweise erleichtern könnte, gäbe es nur die gesellschaftliche Pression nicht).

    *Auf die Frage eines Fernsehreporters, warum sie junkt, meint eine Frau, weil man sie nicht so sein lässt, wie sie ist.

Das ist eine Tatsache, der sich auch Heine bewusst war, und der sie - um mit der Sprache der Malerei zu reden - mit extrem feinfühliger Morbidezza auszudrücken wusste:

 

    Dann möcht es wohl geschehen, das seines Hauptes

    Mohnblumenkranz auch meine Stirn berührte

    Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte

    Aus meiner Seel'...

 

Damit aber jenen, die überzeugt sind, dass man in den Drogen keinen wirklichen Trost - was immer das auch sein mag - finden kann, verstehen können, was ich meine, werde ich zugeben, dass die Zuflucht in die Drogen natürlich keine hundertprozentige Sache ist. Das ist nun demjenigen, der ansonsten überhaupt keine Zuflucht kennt, ziemlich egal. Abgesehen aber davon, dass keine Zuflucht vollkommen ist (nicht einmal in der Religion findet man wahren Trost - es sei denn, man ist bigott oder anderswie beschränkt), traue ich mich zu behaupten, dass das Manko an der Drogenzuflucht nicht so sehr durch die Droge selbst bedingt ist. Es sind rein äussere Umstände, die es bedingen, dass man sich doch nicht geborgen fühlt. Zunächst verursacht das teuflische Image der Drogen - eindeutiger Produkt unserer `aufgeklärten` Zeit - die Gewissensbisse, dann aber kommt noch die Verfolgung, der man durch die Inkriminierung der Drogen ausgesetzt ist. Diese Behauptung darf ich mir erlauben, weil ich mich um das Drogenimage und ihre gesellschaftliche Akzeptanz nie gekümmert, sondern mit dem guten Gewissen des Gerechten meinen Haschisch genossen habe. Darin fand ich das, was ich schon immer gesucht habe: die Geborgenheit. Nie liess ich mir von irgendwelchen salbadernden Schlauköpfen einreden, damit tue ich etwas Verwerfliches, Unmoralisches, Sündiges oder gar Kriminelles. Ich fand sogar, das Haschischrauchen wäre weniger sündhaft, weil weniger dumm, als das Alkoholtrinken. Und ich durfte meine Zuflucht ebenso voll auskosten, wie jede andere User auch.

 

Das heisst: wir könnten es. Würde man uns dabei nur in Ruhe lassen! Doch da kommen eben die besagten Schlauköpfe, behaupten unverschämt, sie wüssten besser als wir, was für uns gut ist, suchen unter dem fadenscheinigen Vorwand der Sorge um unseres Wohlergehen uns diese Zuflucht zu verwehren, und vergewaltigen uns auf kriminellste, wenn wir auf unserer Überzeugung beharren. Das nennen sie dann Rechtsstaat und Meinungsfreiheit und Menschlichkeit und Gerechtigkeit und was weiss ich was für klangvolle Schäbigkeiten sie noch erfinden, um ihre Perversionen schönzufärben...

 

Aber resümieren wir nun: jeder Mensch benutzt irgendwelche Stimulanzien, weil Mensch darauf angewiesen ist. Dabei ist es seinen persönlichen Vorlieben, seinen individuellen Eigenschaften überlassen, ob es dabei um einen chemischen oder anderswie ausgearteten `Kick` handelte. Daraus folgt: nichts anders verhält es sich, wenn es um die Entscheidung geht, ob es um so genannte `legale` oder `illegale` Drogen handelt. Das heisst, nicht irgendwelche komische Vernunft ist bezüglich der persönlichen Drogenauswahl verantwortlich, sondern rein physiologische Faktoren, soziale (= familiäre und politische) Bedingungen, ja vielleicht selbst die genetische und phylogenetische Konditionierung. Dass manche Menschen dies mögen und andere jenes, ist nicht nur in Bezug auf Drogen ein allzu bekanntes Allgemeinplätzchen. So heisst das: ein Verbot der bestimmten Drogen bedeutet willkürliche Aufteilung der Menschen in gute und schlechte, sowie, dass ein Mensch, der von der Gesellschaft wegen Drogen verfolgt wird, genauso wenig Chancen hat dieser Verfolgung zu entgehen, wie sie auch eine Hexe, beziehungsweise ein Jude hatte. In diesem Sinn ist es also zweckmässig, die Verfolgung der Drogen(Menschen) mit den Verfolgungen der Hexen und Juden zu vergleichen.

 

Der Unsinn der Prohibition

Hier wird aber noch eine Unsinnigkeit der Drogenverfolgung sichtbar. Die Notwendigkeit der Drogen für die Menschheit sowie die Vorbestimmung des Einzelnen für bestimmte Drogen sind die Grunde der, durch die Kulturgeschichte der Drogen einwandfrei belegten, Unwirksamkeit jeglicher Drogenprohibition. Drogen sind einfach eine conditio humana und die lässt sich nicht gesetzlich regeln. Darum kann ein Anti-Drogen-Programm nie erfolgreich sein, und keiner hat es je geschafft, die betreffende Droge von ihrem potentiellen Publikum fernzuhalten. Von dem ersten, mir bekannten, Fall, wo sich Kaiser Wu Wang, der Begründer der Chou-Dynastie, im 12. Jahrhundert vor unserer Zeit als Drogenzensor versuchte (und prompt scheiterte) bis zur Alkoholprohibition unter Gorbatschow - alle derartigen Bestimmungen liefen sich tot und mussten schliesslich aufgegeben werden(*). Darum ist auch die gegenwärtige Drogenhetze von geradezu sprichwörtlicher Erfolglosigkeit, und das BtM-Gesetz ein Papiertiger und Pleitegesetz wie sonst kein Gesetz der Geschichte.

    *Apropos Gorbatschow: er war schon auf bestem Weg, als er erkannte, dass Alk der Feind Nr. 1 der Menschheit ist. Allerdings war es ebenso ein Fehler, Alk zu verbieten, wie es Fehler ist, sonst eine Droge zu verfolgen. Er hätte bessere Drogenberater haben müssen, die ihn anstelle Alkverbots die Freigabe aller Drogen geraten hätten. Würde man nämlich Hanf freigeben und eine Aufklärungskampagne (was Hanf ist, wie man es benutzt, warum man es nimmt usw.) starten, so werden wir nicht viele Jahre brauchen, um einen drastischen Rückgang der Alkleichen zu registrieren. Hanf ist nämlich die ideale Droge und wird sehr schnell von der grossen Mehrheit der Drogenuser als solche erkannt werden. (Man darf sogar behaupten: mit Brot, Bier und Rind ist Cannabis das Beste, was der Menschen von der Natur geschenkt bekam.) Ab da wären alle sonstige Drogen, und vor allem die Todesrauschgifte wie Alk, Opium- und Kokainderivate, eine Randerscheinung mit kaum messbaren sozialen Auswirkungen.

 

Als Beispiel für Vergeblichkeit der Drogenverfolgung nehme man die Situation in der Bundesrepublik. Hier wurde seit den sechzigen Jahren, alles unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung, die Polizei um den Faktor 30 aufgestockt, das BKA sogar um megalomanischen Faktor 70 - es gibt wohl schon mehr Drogenfahnder als es Heroinuser gibt! Nach und nach wurden die gesetzlichen Bestimmungen gestrafft. Heute droht das BtM-Gesetz in seiner Strafnorm die höchste zulässige Freiheitsstrafe an, das heisst, die so genannte `Drogentäter` werden in der Regel härter als die Kapitalverbrecher angefasst(!), und gar etliche Strafen, die in den Drogenprozessen ausgesprochen werden - von wegen gerechte, humane, tolerante und christliche Gesellschaft! - würden glatt einem Drakon die Schamröte ins Gesicht treiben. Ausserdem sind ungefähr die Hälfte aller Gefängnisinsassen die `Rauschgiftverbrechermafiosi` - meist freilich kleine Kiffer und Ein Gramm-Dealer - und die Gerichte ersticken förmlich in der Endlosigkeit der Drogenprozesse.

 

Und nun der Hammer!... Trotz jenem enormen Aufwand an Mensch und Material, trotz dieser bestialischen `Strafen`, erweist sich das BtM-Gesetz als von geradezu lächerlichen Ineffizienz: alle Drogen sind immer und überall zu haben - allein an die 10 Tonnen Haschisch, die hierzulande tagtäglich verbraucht werden, sind imposanter Beleg dafür. Kein Betroffener schert sich um das rassistische Gesetz. Man hat zwar Angst vor den brutalen Übergriffen der rohen Rauschgiftfahnder, aber das ist schon auch alles: das Gesetz selbst hatte noch keinen von den Drogen abgehalten. Offensichtlich lässt sich das Volk die Drogen nicht verbieten; offensichtlich wollen die Leute ihren Dope - wo keine Nachfrage, da gibt es kein Angebot, folglich auch keinen Markt.

z

Es ist nun äusserst aufschlussreich, die Reaktionen der demokratischen Politik auf solche Demonstrationen der Volkswillen zu beobachten. Selbst angesichts der eindeutigsten Tatsachen denkt man nicht im Entferntesten an Einlenken; der totale Bankrott der gegenwärtigen Drogenpolitik macht die Politiker und Justiz nur sturer und man steigert sich immer kopfloser in die Hysterie hinein. Besonders vielsagend in diese Richtung die Abweisung der Klage Herrn Neskovics seitens des Verfassungsgerichts, wo auf äusserst fundierte Argumentation mit ausgesprochenen Fadenscheinigkeiten geantwortet wird. Alkohol, meinen die Herrschaften, werde nicht konsumiert, um Rauschzustande zu erreichen, dagegen ziele Konsum von Hanf typischerweise auf die berauschende Wirkung. Also - mit nötigen Respekt vor dem Hohen Gericht - das ist nicht einmal besonders spitzfindig, sondern nur besonders dämlich! Nimmt man nämlich die Aussage de Hohen Gerichtes streng logisch an, dann behaupteten sie da: man säuft, um nüchtern zu bleiben!!!

 

Man muss sich nur mit gesundem Menschenverstand begreiflich machen, was uns die Damenherren Verfassungsrichter da zugemutet hatten! Es stimmt! meinten sie, Neskovic hat recht: die übliche Auffassung `Meine Droge gut, deine Droge kriminell!`, die der Drogenverfolgung zugrunde liegt, verstiesst gegen das Grundgesetz. Also sagen wir nun nicht mehr `Meine Droge gut usw...`, sondern nun behaupten wir `Meine Motive der Drogenbenutzung gut, deine Motive kriminell!` - und vergewaltigen Haschischjuden weiterhin...

 

Doch ist die Diskriminierung der Motive der Drogeneinnahme ebenso eine faschistische Angelegenheit und Rassismus, wie die Diskriminierung der Droge selbst. Die Damenherren Richter gingen eindeutig von der schwachsinnigen Prämisse aus, an der diese steinzeitliche Gesellschaft so verbissen klebt, dass Cannabis irgendwie doch gefährlicher, also minderwertiger ist als Alkohol. Und wenn eine Droge quasi minderwertig ist, dann müssen auch die Motive ihrer Einnahme zwangsläufig minderwertig sein.

 

Doch wenn sie zugeben, dass Verbot der Droge gegen das Grundgesetz verstiesst (das die Freiheit des Rausches ja garantiert), dann können auch die Motive seiner Annahme auf gar keinen Fall minderwertig sein. Hast du nämlich Recht auf Rausch, so sind die Motive shitegal. Zu behaupten also, meine Motive der Drogeneinnahme seien gut, und deine Motive sind kriminell, verstiesst genauso gegen das Grundgesetz wie die Behauptung, meine Droge ist gut und deine Droge kriminell.

 

Was aber noch schlimmer ist! Woher wollen sie wissen, warum ein Mensch die Droge(n) nimmt - sind das Richter oder Hellseher!? Ich möchte wetten, die Damenherren Verfassungsrichter sind sich selbst nicht im Klaren, warum sie persönlich Drogen nehmen... Aber was noch am schlimmsten ist: wo nehmen sie die Dreistigkeit, den Benutzern der anderen Drogen minderwertigere Gründe des Drogenkonsums zu unterschieben, als sie sie selbst als Alkoholtrinker haben?

Wollen sie uns beleidigen?!

 

Die Gründe für die Drogeneinnahme - darüber muss man die Damenherren Verfassungsrichter belehren, denn das ist ihnen anscheinend nicht klar! - sind rein persönlicher Natur, gehören also zur unmessbaren, unwägbaren, unfassbaren Ultraphysik des Lebens, und eine Ultraphysik hat in Gerichtsurteilen nichts zu suchen. Oder ist den Damenherren Richtern nicht bekannt, dass sie nur, einzig und allein aufgrund der realen, für alle und jeden nachvollziehbaren Tatsachen zu entscheiden haben? Wenn man schon aufgrund der Ultraphysik zu beurteilen wagt, so dürfte man auch wieder Gottesurteil einführen - es wäre ja eh das Gleiche, der gleiche Zufall und die gleiche Willkür der Macht.

 

Nebst rein archaischen, kollektiven Gründen der Drogeneinnahme (man nimmt Drogen, um sich besser zu fühlen, um ein gewisses Wohlbefinden zu erreichen - in diesem Sinn sind die Motiven eines Alkoholikers und eines Hanf-Geniessers absolut identisch), gibt es ganz spezifische, individuelle Gründe (anhand der Erfahrungen und sonstigen persönlichen Umständen werden gewisse Vorlieben ausgebildet, darum fahren manche Menschen auf diese Droge ab, andere lieber auf jene), und da gibt es just so viele Gründe für die Drogeneinnahme, wie viele Menschen es gibt. Und wenn man schon darüber befindet, welche Motive edler sind, dann liegen der Einnahme des Alkohols eindeutig die minderwertigen Motive zugrunde. Man säuft bestenfalls um zu vergessen - etwas besseres lasse sich mit dem Spiritus (der Begriff ist eindeutig aus Spirit und Exitus gebildet – Tod des Geistes!) ohnehin nicht anstellen. Mit Cannabis jedoch kommt man im Grossteil der Fälle und früher oder später auf ein selbstständiges Denken. Mir sind sehr viele Cannabisuser bekannt, die die Droge zwecks Stimulation der Arbeit zu sich nehmen, andere nehmen die Droge als Medizin ein, ja es gibt sogar welche, die das aus rein spirituellen Gründen tun.

 

Und wer sagt, diese Motive sind weniger wert, als die Motive der grollenden Neandertaler am Ballermann, dem spreche ich jede Qualifikation zum Urteilen ab. Der sollte nicht richten, sondern, von mir aus, als Strassenkehrer arbeiten.

 

Und noch ein Punkt! Das hohe Gericht hatte da offensichtlich die Ursache und Wirkung nicht auseinander halten können, denn eine Kleinigkeit ist da total entgangen: es ging um keine Motiven (= Ursachen), sondern klar um Folgen (= Wirkungen) der Drogenbenutzung. BtM-Gesetz ist ja angeblich zwecks Schutzes vor bösen Folgen der Drogen aufgestellt.

z

Die Obrigkeit benimmt sich eigentlich so, als wollte sie sagen: ”OK! Wir können gegen Drogen nichts ausrichten, wir müssen es laufen lassen. Aber die, die wir dabei erwischen, denen gnade Gott! Denn, wir kennen keine Gnade! - wie dies der Herr Bundeskanzler Kohl expressis verbis äusserte. (Man sollte ihn wegen diesem Aufruf zur Gnadenlosigkeit, wegen der Volksverhetzung also, vor das Gericht für Menschheitsrechte in Den Hag zitieren; der serbische Faschist Miloševic ist beileibe nicht der einzige Ex-Staatschef, der dorthin gehört.)

 

Hört man ihn solche Hetzparolen von sich geben, möchte man meinen, der Mensch hat es darauf angelegt, als Helmut der Gnadenlose in die Geschichte einzugehen... Deine Sprache verrät dich, Petrus! möchte man ihm hier zurufen. Denn, nebenbei bemerkt aber wichtig für das Thema, liess Herr Ex-Bundeskanzler mit jener Äusserung durchblicken, dass er sowohl mit dem Terminus `Christ` wie auch `demokratischer Politiker` seine Schwierigkeiten hat; offensichtlich sind ihm die Bedeutungen beider Begriffe nicht geläufig. Die Kardinaltugend eines Christen ist die Barmherzigkeit, und ein demokratischer Politiker ist kein absolutistischer Herrscher, dem es gegeben ist, über die Gnade und Ungnade für seine Untertanen zu entscheiden(*). Ein demokratischer Politiker hat einzig die Funktion eines Gesellschaftslakaien: er hat die gesellschaftlichen Impulse in die Praxis umzusetzen.

    *Der Begriff `Gnade` ist absolut undemokratisch: sie wird nämlich ausschliesslich willkürlich praktiziert, während die Demokratie einzig durch die präzise Rechtsregeln bestimmt sein sollte.

Wenn also gut Dutzend Millionen seiner Mitbürger Haschisch rauchen wollen, so hat er nicht mit der Ungnade zu drohen, sondern er hat strammzustehen, `Jawohl!` zu sagen und zu parieren. Nur das wäre Demokratie. Alles andere ist kalter Kaffee, Lüge und - Tyrannis! (Die Grenzen der Demokratie als Mehrheitsvotums sind - zumal bei so persönlichen Entscheidungen wie Drogen - endgültig in ihren Minderheiten gegeben; eine Demokratie, die ihre Minderheiten genauso unterdrückt wie eine Diktatur, sollte auch Diktatur heissen.) Und da der Herr Bundeskanzler sozusagen im gleichen Atemzug auch vom Rechtsstaat redet, unbekümmert darüber, dass er sich offensichtlich nicht im Klarem ist, was der Begriff bedeutet, sollte man ihn gleichfalls hierüber aufklären; es ziemt sich eines Ex-Regierungschefs nicht, derart ahnungslos durchs Leben zu laufen. Rechtsstaat nämlich bedeutet keinesfalls (nur) unbedingte Gesetztreue - jeder Gesetzgeber, und auch der schlimmste Tyrann, vermag sich ja jederzeit die Gesetze zu erschaffen, die er gerade brauche -, sondern vor allem Gesetze, die niemanden diskriminieren.

 

Da es derart ineffizient ist, wirkt sich das BtM-Gesetz nur auf die Preise auf dem Drogenmarkt aus. Das heisst, es zwingt die Menschen zur Anschaffungskriminalität und Prostitution - das Drogengesetz ist der erfolgreichste Zuhälter der Welt. Dieses rassistische Gesetz scheint einzig und allein darauf ausgerichtet zu sein, für den ständigen Nachschub auf dem Baby-Strich zu sorgen, genug `Drogentote` zu produzieren und den Drogenusern ein Leben zwischen Armut und Terror zu bescheren. Armut wegen der ständig ansteigenden Preise, die einem jegliche wirtschaftliche Grundlage rauben, und Terror bereits wegen der rabiater Drohungen, die Politiker und Medien unablässig wiederholen.

 

Nun: sobald der Erfolg eines Gesetzes nicht einmal in statistischen Promillen, sondern nur in Nanobereichen gemessen werden kann, ist es eindeutig verfehlt. Wenn immer mehr Menschen mit einem bestimmten Gesetz in Konflikt geraten, bedeutet dies nicht, dass diese Verbrecher sind, vielmehr bedeutet das, dass das Gesetz selbst eine kriminelle Konstruktion ist - nicht der Mensch soll sich den Gesetzen anpassen, sondern umgekehrt! In so einer auffälligen Konstellation der `Massensünde` verlangen nicht nur Sitte und Anstand, bereits der gute Geschmack verlangt, dass misslungene Gesetze verworfen werden. Die Anwendung der undurchführbaren Gesetze lässt nämlich unfehlbar auf willkürliche und tyrannische Justiz schliessen

 

 

 

© für alle Texte by

drabat@web.de